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Kein Abschied, aber trotzdem ein Verlust.

19. Sept.
3 Min. Lesezeit

Sam lebt. Dieser Satz ist wichtig.


Und trotzdem gibt es Tage, an denen sich seine Abwesenheit wie ein Verlust durch meinen ganzen Körper zieht.


Für diese Art von Verlust gibt es kaum Rituale. Niemand bringt Blumen. Es gibt keine Karte, auf der steht, dass es in Ordnung ist, nicht zu wissen, was man sagen soll. Der Alltag erwartet, dass man weitermacht – vielleicht auch deshalb, weil der Mensch, den man vermisst, irgendwo weiterlebt.


Wenn jemand lebt und trotzdem fehlt


Das macht die Gefühle widersprüchlich. Ich bin dankbar, dass Sam lebt, und traurig, dass ich keinen Anteil an seinem Leben habe.


Ich hoffe, dass es ihm gut geht, und weiss gleichzeitig, dass ich kein Recht auf Auskunft habe. Manchmal möchte ich wissen, wie sein Tag war. Dann erinnere ich mich daran, dass selbst diese harmlose Frage eine Nähe voraussetzt, die zwischen uns nicht mehr besteht.


Es gab keinen Abschied, den ich als solchen erkannte. Kein letztes gemeinsames Essen mit dem Wissen, dass es das letzte sein würde. Kein sorgfältig gewählter Satz, den ich in Erinnerung behalten konnte.


Gewöhnliche Momente wurden rückwirkend zu letzten Momenten.


Vielleicht ist es genau das, was diese Trauer so schwer greifbar macht: Sie hat keinen klaren Rand.


Darf ich überhaupt traurig sein?


Manchmal ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass ich doch gar nicht trauern dürfe. Schliesslich war es Sams Entscheidung, Abstand zu nehmen.


Wenn ich meinen Schmerz zu laut ausspreche, könnte es wirken, als würde ich seine Grenze nur als etwas betrachten, das mir angetan wurde. Doch wenn ich gar nicht darüber spreche, verleugne ich einen Teil meiner eigenen Wirklichkeit.


Beides kann gleichzeitig wahr sein: Sam darf eine Grenze setzen. Und ich darf traurig darüber sein.


Meine Trauer gibt mir keinen Anspruch auf Kontakt. Sie macht seine Entscheidung nicht automatisch falsch. Aber sie verschwindet auch nicht dadurch, dass ich sie moralisch bewerte.


Gefühle halten sich selten an das, was vernünftig oder angemessen erscheint.


Auch die vorgestellte Zukunft fehlt


An manchen Tagen vermisse ich nicht nur Sam, sondern auch die Zukunft, die ich mir vorgestellt hatte. Gespräche, die vielleicht nie stattfinden. Gewöhnliche Besuche. Gemeinsames Lachen über alte Geschichten.


Vielleicht Familienfeste, bei denen niemand vorher überlegen muss, wer eingeladen wird.

Ich trauere also nicht nur um Vergangenes. Ich trauere auch um Möglichkeiten.



Dabei muss ich vorsichtig sein. Die Zukunft, die ich vermisse, war meine Vorstellung. Sam hat sie mir nie versprochen.


Kinder – auch erwachsene Kinder – sind nicht dafür da, das Lebensbild ihrer Eltern zu erfüllen.


Diese Einsicht nimmt den Schmerz nicht weg. Sie verändert aber, wie ich mit ihm umgehen möchte.


Ich will aus meiner Sehnsucht keine Forderung machen. Ich möchte Sam nicht die Verantwortung dafür geben, dass meine erhoffte Zukunft anders aussieht.


Hoffnung ohne Warten


Der Kontaktabbruch ist auch deshalb schwer zu betrauern, weil Hoffnung bleibt.

Endgültigkeit würde eine grausame Klarheit schaffen. Hoffnung lässt die Tür im Inneren offen. Doch eine offene Tür kann auch bedeuten, dass jeder Laut im Flur wie eine mögliche Rückkehr klingt.


Ich lerne deshalb langsam, Hoffnung nicht mit Warten zu verwechseln.


Ich darf mir wünschen, Sam eines Tages wiederzusehen, und trotzdem heute leben. Ich darf an ihn denken, ohne jeden Tag nach einem Zeichen zu suchen. Ich darf Freude empfinden, ohne damit zu behaupten, er sei mir gleichgültig geworden.


Mit dem Nichtwissen leben


Es gibt keine perfekte Bezeichnung für diesen Zustand. Manche nennen ihn uneindeutigen Verlust.


Für mich fühlt er sich eher an wie eine Geschichte, deren nächstes Kapitel fehlt. Das Buch liegt noch da. Aber ich kann die fehlenden Seiten nicht selbst schreiben.


Vielleicht wird es eines Tages wieder Worte zwischen uns geben. Vielleicht nicht.


Heute versuche ich, beides auszuhalten, ohne das eine als Versprechen und das andere als Gewissheit zu behandeln.


Sam lebt. Ich wünsche ihm ein gutes Leben.


Und ich vermisse ihn.


Diese beiden Sätze widersprechen einander nicht.


Eine Frage an dich:

Welche Gefühle existieren in deiner Geschichte gleichzeitig, obwohl sie auf den ersten Blick nicht zusammenzupassen scheinen?


Hinweis: Dieser Text beschreibt eine persönliche Erfahrung und meine heutige Sicht darauf. Andere Beteiligte können dieselben Ereignisse anders erinnern. Der Beitrag ist keine medizinische, therapeutische oder rechtliche Beratung.

NoContact | KeinKontakt

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Wichtiger Hinweis: Die Inhalte auf NoContact | KeinKontakt dienen ausschließlich der Orientierung, dem Erfahrungsaustausch und der redaktionellen Information. Sie basieren auf persönlicher Erfahrung und allgemeiner Familienforschung. Die bereitgestellten Informationen sind kein Ersatz für eine professionelle psychologische, medizinische, therapeutische oder rechtliche Beratung. Wenn du dich in einer akuten Krise befindest, wende dich bitte an die kostenlosen Notrufnummern oder eine Fachberatungsstelle in deiner Nähe.​

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